Kulturbrücken Den Haag – Berlin – Amsterdam: Klaus Mann und „Die Sammlung“

Am 13. März 1933 verließ Klaus Mann (1906-1949) Deutschland aufgrund der Warnung, dass sein Leben in Deutschland nicht mehr sicher sei. Viele deutsche Schriftsteller und andere Künstler flohen nach der Machtergreifung Hitlers aus Deutschland. Klaus Mann schreibt „Ein Massenexodus der Dichter setzte ein”. Mehr und mehr wurden alle Tätigkeiten von Schriftstellern und Verlagen überwacht. Bereits im ersten Jahr nach der Machtergreifung ergriffen die Nationalsozialisten Maßnahmen wie Gesetze gegen die freien Künste, Bücherverbrennungen, Verbote und Zensur.
 
In den folgenden Jahren reiste Klaus Mann  durch ganz Europa und lebte in den Exilzentren Amsterdam, Paris, Zürich und Prag. Eigentlich war er ständig zwischen diesen Städten unterwegs, doch Amsterdam wurde zu seiner Basis. In der niederländischen Hauptstadt schrieb er den größten Teil seines Romans „Mephisto“ (1936). In Amsterdam begann seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Verleger Fritz Landshoff. Sie hatten sich in Berlin beim Kieperheuer Verlag kennengelernt. Landshoff wurde in 1933  Direktor des Querido Verlags, ein deutscher Verlag beim Verlag Querido Amsterdam. Der Verlag veröffentlichte verschiedene Mann-Werke: „Flucht in den Norden“ (1934), „Symphonie Pathétique“ (1935), „Mephisto“ (1936), die Novelle „Vergittertes Fenster“ (1937) und den Roman „Der Vulkan“ (1939) über das Leben der erzwungenen Emigranten aus Deutschland.
Aber zunächst waren seine Mühen gerichtet auf sein erstes großes Exil-Werk: Landshoff und Mann vereinbarten, die Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“ bei Querido herauszugeben. Eine monatliche Zeitschrift, die erste Ausgabe erschien im September 1933. Im Vorwort beschreibt Mann das Ziel der Zeitschrift: „Unpolitisch aber oppositionell gegen den Nationalsozialismus“. Inhalt: Autorentexte sowie die Besprechung neuer Filme, Theaterstücke und Bücher”.
 
Weshalb der Name „Die Sammlung“?
Klaus Mann dazu im Vorwort des erstes Heftes: „Die wir sammeln wollen, sind unter unseren Kameraden jene, deren Herzen noch nicht vergiftet sind von den Zwangsvorstellungen einer Ideologie, die sich selber ‘die neue’ nennt … Sammeln wollen wir, was den Willen zur menschenwürdigen Zukunft hat, statt dem Willen zur Katastrophe, den Willen zum Geist, statt dem Willen zur Barbarei und zu einem unwahren, verkrampften und heimtückischen ‘Mittelalter’; den Willen zum hohen, leichten und verpflichtenden Spiel des Gedankens zur seiner Arbeit, seinem Dienst, statt zum Schritt des Parademarsches, der zum Tode durch Giftgas führt im Interesse der gemeinen Abenteuer; den Willen zur Vernunft, statt dem zur hysterischen Brutalität und zu einem schamlos programmatischen ‘Anti-Humanismus’, der seine allgründige Dummheit und Rohheit hinter den schauerlichen Phrasen kaum noch verbirgt”.
 
Eine klare Kampfansage an die Nationalsozialisten
Das Patronat bestand aus den Schriftstellern André Gide, Aldous Huxley und Heinrich Mann. Die Beiträge für das ersten Heft kamen von Heinrich Mann, Alfred Döblin, Joseph Roth, Alfred Kerr und Hermann Kesten. In den weiteren Ausgaben gab es eine bunte Vielfalt von Beiträgen: Marxisten (Johannes R. Becher und Bertolt Brecht,), Sozialisten (Ernst Toller und Oskar Maria Graf ), Radikaldemokraten (Heinrich Mann, Alfred Doblin und Arnold Zweig), Zionisten (Max Brod), Liberale (Alfred Kerr und Herman Kesten), Konservative (Golo Mann und Joseph Roth) und unpolitische Autoren (Jakob Wassermann, Else Lasker-Schuler) schrieben für „Die Sammlung“. Und auch von internationalen Autoren wie Romain Rolland, Jean Cocteau, Christopher Isherwood, Ernest Hemingway, Ilja Ehreburg, Boris Pasternak, Leo Trotzki und Menno ter Braak gab es Beiträge.
 
Von September 1933 bis August 1935 erschienen 24 Ausgaben (durchschnittliche Auflage 3.000 Stück). Politische und finanzielle Probleme erschwerten mehr und mehr das Erscheinen. In erster Linie die Gegenmaßnahmen der Nationalsozialisten als Verursacher des Exils. Und der eigentliche Grund für den Stopp des Druckes: finanzielle Schwierigkeiten.
 
Politische Probleme
Den Machthabern des Dritten Reiches entging die Veröffentlichung „Der Sammlung“ nicht, da das erste Heft nicht so „unpolitisch“ ausfiel wie es ursprünglich angekündigt worden war. Es war in der Tat die erste und die umfassendste Kampfansage der antifaschistischen Exilliteratur an die Nationalsozialisten, die alle wesentlichen Gruppen umfasste und auch ausländische Antifaschisten einbezog. Stefan Zweig sagte: „Zusammen stellen die abgetrennten Autoren eine Weltmacht dar”. Es gab übrigens verschiedene  andere Exil-Zeitschriften: z. B. „Das Wort“ (aus Moskau, u. a. mit Bertolt Brecht) und „Neue Deutsche Blätter“ (aus Prag, u. a. mit Anna Seghers).
 
Die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ (Reichsschrifttumsstelle) veröffentlichte als Reaktion die Mitteilung: „Diese Emigrantenzeitschriften versuchen ganz bewusst, eine Lügenblockade um das neue Deutschland zu errichten.” Nach der Veröffentlichung dieser Mitteilung standen die reichsdeutschen Verlage unter starkem Druck. Einige ihrer Autoren befanden sich auf der Mitarbeiterliste der Zeitschrift. Aus Angst vor sinkenden Absatzzahlen und dem Verlust der Publikationsrechte – schließlich durften manche der betroffenen Autoren noch in Deutschland veröffentlichen – verlangten die Verlage von den betroffenen Schriftstellern Distanzierungen. Die daraufhin getätigten Distanzierungen erschienen am 13 Oktober 1933 im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ und lösten im Exil größte Empörung unter den Emigranten aus. Viele setzten eine Distanzierung von der „Sammlung“ einem politischen Statement gleich, einer Annäherung an das faschistische Gedankengut. Andere dachten wiederum, man drücke sich überhaupt vor einer eindeutigen, politischen Positionierung. Alles in allem lenkte dieses geschickt inszenierte Ereignis die Aufmerksamkeit und auch den Zorn der Emigranten auf ihre eigenen Kollegen in Deutschland. Bei der nationalsozialistischen Presse war „Die Sammlung“ besonders verhasst. Klaus Mann wurde am 1. November 1934 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.
 
Finanzielle Probleme
Für die Einstellung der „Sammlung“ waren letztlich finanzielle Probleme verantwortlich. Von Anfang an war die Finanzierung ein großes Problem. Autorenhonorare waren nicht durch den Verlagsvertrag abgedeckt. Im März 1934 schrieb Verleger Fritz H. Landshoff in einem Brief an Klaus Mann: „Der Abonnementsrückgang bei Halbjahreswechsel ist erschreckend; die Abrechnung über den Straßenverkauf und den Einzelverkauf geradezu entsetzlich”. In August 1935 erschien die letzte Nummer.
 
Hinweis für eigene Recherchen
Die Königliche Bibliothek (KB) Den Haag verfügt über alle erschienenen Ausgaben der „Sammlung“.
 
Quellen und weitere Informationen:
Für den Vortrag wurden vor allem folgende Quellen genutzt:
Jasmin Liese: „Die Sammlung – Entstehung, Inhalte und Anspruch einer Exilzeitschrift“
Bettina Baltschev: „Hölle und Paradies”
 
Hinweis auf das nächste Gespräch der Reihe „Kulturbrücken Den Haag – Berlin – Amsterdam“
Am Dienstag, dem 27. Februar 2024 findet online das nächste Gespräch der Reihe zum Thema „Max Liebermann und die Haagse School“ statt.
 
Führung durch die Königliche Bibliothek
Am Freitag, 15. März 2024, organisiert KulturNetz aan Zee eine „Führung durch die Königliche Bibliothek Den Haag mit dem Themenschwerpunkt ‚Deutschsprachige Exilliteratur‘“.
 
Autor: Henk Merkus

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