Tag der deutschen Sprache in den Niederlanden: Die kulinarische Geschichte der Wiener Konditorei

Am heutigen 6. Oktober findet in den Niederlanden der jährlich von der Actiegroep Duits veranstaltete „Dag van de Duitse taal“ statt. Das Thema in diesem Jahr ist ein kulinarisches, es lautet „Guten Appetit!“. Aus Anlass dieses besonderen Tags und auch zur Unterstützung der Initiative möchte KulturNetz aan Zee mit einem Beitrag über die in der Korte Poten 24 befindlichen Wiener Konditorei berichten, in der man bei Sachertorte und Wiener Melange ein wenig von der Stadt und ihren zahllosen Kaffeehäusern träumen kann.

Gleichzeitig ist die Geschichte der Wiener Konditorei eine, die sich ebenso passend wie wegweisend in das von KulturNetz aan Zee ins Leben gerufene Projekt „Deutschsprachige Kulturspuren in Den Haag“ einfügen lässt: Die Geschichte des Österreichers Willy Prager ist neben der Erfolgserschichte eines seit inzwischen mehr als 90 Jahren bestehenden Cafés auch eine Erinnerung an die dunklen Zeiten, die mit dem Einmarsch 1940 und der Besetzung der deutschen Wehrmacht bis 1945 einhergingen.

Willy Prager und die Wiener Konditorei

Wilhelm „Willy“ Prager wurde im April 1909 in Wien geboren. Er lernte „Bankettbäcker“, also Zuckerbäcker/Konditor, und sammelte in verschiedenen österreichischen Bäckereien Berufserfahrung. Anfang der Dreißiger Jahre betrachtete Prager die zunehmenden politischen Krisen, die austrofaschistischen Bewegung sowie den wachsenden Terror und Antisemitismus in Österreich mit Sorge. 1934 floh er aus Wien nach Den Haag, weil er sich als jüdischer Konditor in seiner österreichischen Heimat nicht mehr sicher fühlte.

Prager begann 1934 seine Tätigkeit als Bankettbäcker in den Korte Poten. Noch im selben Jahr übernahm er das Geschäft, das er zunächst unter dem Namen Alt Wien und kurz darauf als Wiener Konditorei weiterführte. 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden ein und im Februar 1941 wurde Prager plötzlich in seinem Geschäft von der Gestapo unter dem Verdacht der Spionage verhaftet. Er saß eine Zeit lang in Scheveningen und in Köln in Haft. Im Mai wurde er für unschuldig erklärt und durfte nach Den Haag zurückkehren.

Die deutschen und österreichischen Soldaten kauften gerne ihr Gebäck in der Wiener Konditorei. Daraufhin wurde Prager von den Besatzern verpflichtet, ein Schild im Schaufenster anzubringen, auf dem stand: „Für die Deutsche Wehrmacht verboten.“ Die Soldaten umgingen das Verbot, indem sie das Gebäck von ihren niederländischen Freundinnen holen ließen.

Prager bekam Berufsverbot, die Bäckerei wurde nun von einem anderen Bäcker geleitet. 1942 erhielt er eine Vorladung für ein „niederländisches Arbeitslager“, daraufhin tauchte er mit seiner Frau und seinem Sohn sowie einer Nichte unter. Im Februar 1944 wurde die Familie verraten, über das Gefängnis in Scheveningen (Oranjehotel) und das Lager Westerbork wurden sie nach Auschwitz deportiert. Seine Frau und die Kinder kehrten nie zurück. Prager selbst wurde im Lager zur Arbeit gezwungen. Als sich die Rote Armee dem Lager näherte, wurden die Häftlinge evakuiert, und es folgten die Todesmärsche. Nach einer Odyssee durch viele verschiedene Lager wurde Prager schließlich am 29. April 1945 in Dachau befreit. Am 1. Juni 1945 wurde er wieder in Den Haag registriert.

Nach dem Krieg musste Prager sein Leben und sein Geschäft wieder aufbauen. Er heiratete erneut und begann wieder mit dem Backen. In den folgenden Jahren entstand im ersten Stock eine vollwertige Bäckerei, in der die bewährten Backwaren hergestellt wurden.

Im Jahr 1954, als sich die Wirtschaft noch in der Aufbauphase befand, reiste Prager mit seiner Frau nach Wien und nahm auf gut Glück eine Espressomaschine mit in die Niederlande. Er war wahrscheinlich einer der Ersten in Nordeuropa, der eine solche Maschine besaß. Es stellte sich als Volltreffer heraus: Selbst Königin Juliana hat ihren Kaffee im „Vienna“ getrunken, dem (damaligen) zweiten Lokal am Plaats.

Ein weiterer Höhepunkt der Wiener Feinbäckerei war Pragers Sachertorte: Wohl wissend, dass die Niederländer Schlagsahne liebten, änderte es das Rezept der klassischen Sachertorte ab und füllte anstelle von Marmelade Schlagsahne in die Schokoladentorte. Dieses Rezept hat noch heute Bestand.

Von Anfang an zog die Wiener Konditorei ein sehr gemischtes Publikum an. Politiker, Künstler und Musiker saßen brüderlich beieinander. Allerdings wurde zwischen dem vorderen und dem hinteren Raum unterschieden. Im vorderen Teil des Ladens saßen die „anständigen“ Leute, im hinteren Teil vor allem viele Studenten der Königlichen Akademie.

Als in den 60er Jahren mehrere ausländische Fußballtrainer aus dem deutschsprachigen Raum in den Niederlanden tätig waren, kamen sie ins „Wiener“, um dort ihren Kaffee zu trinken. Der bekannteste unter ihnen war Ernst Happel, Trainer bei ADO, Feyenoord und der niederländischen Nationalmannschaft.

Willy Prager ist 1979 verstorben, woraufhin das Unternehmen von seiner Tochter Claire und seinem Schwiegersohn Jan Toorenburg weitergeführt wurde. Seit 1998 wird die Wiener Konditorei von Roland Toorenburg, dem Enkel von Prager, geleitet. Seitdem gab es in der Wiener Konditorei mehrere umfangreiche Umbauten, sowohl im Laden als auch oben in der Bäckerei. Alles wurde modernisiert, doch der Stil von früher ist erhalten geblieben.

Die hier geschilderte Lebensgeschichte von Willy Prager wurde im Wesentlichen der Internetseite der Wiener Konditorei entnommen.

Laut Wikipedia ist das Eckhaus Korte Poten 24 heute ein „Gemeentelijk monument“.

Quellen und zum Weiterlesen

Wiener Konditorei – Weense Banketbakkerij en Koffiezaak sinds 1934 (Internetseite, nl)

Stichting Haags Industrieel Erfgoed (nl)

Der „Tag der Deutschen Sprache in den Niederlanden“

Der „Tag der Deutschen Sprache in den Niederlanden“ ist eine Initiative der Actiegroep Duits und wurde ins Leben gerufen, um die Bedeutung der deutschen Sprache in den Niederlanden zu steigern. Auf der Internetseite „Mach mit“ können Sie alles über die Bedeutung des Erlernens der deutschen Sprache, die jährliche Veranstaltung zum Tag der deutschen Sprache, das Programm „Mach Mit! Mobil“ erfahren sowie Materialien für den Deutschunterricht und vieles mehr anfordern.

Das Projekt „Deutschsprachige Kulturspuren in Den Haag“ von KulturNetz aan Zee

Mit dem Projekt „Deutschsprachige Kulturspuren in Den Haag” möchte KulturNetz aan Zee auf die lange gemeinsame Kulturgeschichte zwischen den Niederlanden auf der einen Seite sowie Deutschland, Österreich und der Schweiz auf der anderen Seite aufmerksam machen. Mit den „Kulturspuren” erinnert die Stiftung an die zahlreichen deutschsprachigen Kulturschaffenden, die in den letzten beiden Jahrhunderten nach Den Haag gekommen sind und durch ihr Wirken ihre Spuren in der Stadt hinterlassen haben.

Text & Foto: Christian Schneider

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