Monatsgedicht Dezember: Erich Mühsam „Jahreswechsel 1912/1913“

Auf Vorschlag von Heide Klijn stellen wir Ihnen monatlich ein Gedicht vor, das diesem Monat beziehungsweise der Jahreszeit gewidmet ist.

Wir führen die Reihe fort mit dem Gedicht „Jahreswechsel 1912/1913“ von Erich Mühsam.

Jahreswechsel 1912/1913

Die Erde kleidet sich in Schnee.
Die ganze Welt ist kalt und weh.
Vor Gott sind alle Menschen gleich.
Sie träumen vom ewigen Friedensreich.

Nun teilt der gute Nikolaus
die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem reichen werden sie gebracht.

Das Jahr beginnt um Mitternacht,
wenn Luft und Land vor Kälte kracht.
Der Mensch grüßt froh den Neujahrstag
und ahnt doch nicht, was kommen mag.

Der Reiche klappt den Pelz empor
und mollig glüht das Ofenrohr.
Der Arme klebt, dass er nicht frier,
sein Fenster zu mit Packpapier.
 

Erich Kurt Mühsam (geboren am 6. April 1878 in Berlin; ermordet am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg) war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist. Mühsam gehört zu den brillantesten Autoren des politischen Kabaretts vor und nach dem ersten Weltkrieg. Zusammen mit Texten von Frank Wedekind, Ludwig Thoma und Joachim Ringelnatz gehören seine Lieder und Gedichte zum wichtigsten Repertoire der deutschen satirischen Literatur. In seiner Zeitung „Kain“ verband er Dichtung mit politischem Engagement. Als Mitbegründer der Münchener Räterepublik wurde er 1919 zu Festungshaft verurteilt. Nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde Mühsam erneut verhaftet und 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. (Wikipedia)

Foto: Christian Schneider

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